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Das Interview mit Jeryullah Khan

Das Interview mit Jeryullah Khan

Wir haben Jeryullah Khan Sahib interviewt. Jeryullah Sahib ist ein Waqif-e-Nau und Murabbi Silsila der Jamaat Ahmadiyya Deutschland. Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Nach seinem Schulabschluss schloss er die Jamia Ahmadiyya UK im Jahr 2013 erfolgreich ab und dient nun als Vize-Generalsekretär der Jamaat Ahmadiyya Deutschland.

assalamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuhu Jeryullah Sahib, wie war Ihre Erfahrung, als Pakistani und Ahmadi-Muslim, in einem christlich geprägten Land aufzuwachsen?

Wa alaikumus Salam. Ich bin gebürtiger Groß-Gerauer. Bis zu meinem Realschulabschuss habe ich dort gelebt. Als Ahmadi-Muslim und vor allem als Waqif-e-Nau hat man große Verantwortungen. In der Kindheit ist es einem oft nicht vollkommen bewusst. Vor allem hierzulande, wo man zweisprachig und in zwei Kulturen und Religionen aufwächst, stößt man auf seinem Lebensweg immer wieder auf Hindernisse und Hürden.

Meine Eltern kamen im Jahre 1988 aus Pakistan und ich bin ihr Erstgeborenes. Sie hatten also keinerlei Erfahrung und Kenntnisse über das Leben in Deutschland. Das hatte natürlich auch eine Auswirkung auf mich und wir machten gemeinsam unsere ersten Lebenserfahrungen hier.

Die Jamaat ist hierbei wie eine große Familie, die einen unterstützt und einem den Weg weist. Ich hatte viele Ahmadi Freunde und wir unternahmen viel zusammen. Wir waren fanatische Fußballspieler. In den Sommertagen spielten wir manchmal so lange, bis wir aufgrund der Dunkelheit den Ball nicht mehr sehen konnten. Es gab auch viele Veranstaltungen für uns in Nasir Bagh, an denen ich gerne teilnahm.

In der Schule habe ich bis zur 7. oder 8. Klasse an allen Aktivitäten mit meinen Klassenkameraden teilgenommen und nie gespürt, dass ich anders bin als sie. Abgesehen von Herkunft und Hautfarbe natürlich. Aber ab der 8. Klasse gab es Dinge, die ich nicht mitmachen konnte und wollte, weil ich Ahmadi bin. Freunde von mir fingen an, Freundinnen zu haben, sie fingen an, an Wochenenden zu feiern und Alkohol zu trinken. Einige von ihnen machten die ersten Erfahrungen mit Drogen. Es gab Dinge, von denen man sich hätte leicht verleiten lassen können. Aber ab diesem Punkt realisierte ich, dass ich nicht an jeder Sache teilnehmen darf. Ich fing an, mich von solchen Kreisen zu enthalten und hatte plötzlich viele ausländische, muslimische Freunde. Es dauerte aber nicht lange, bis auch diese den genannten Dingen nicht widerstehen konnten und diesen verfielen. Wir Ahmadis sind besondere Menschen und können uns glücklich schätzen, dass wir ein so gut etabliertes System haben, welches uns von unmoralischen und unsittlichen Dingen schützt. Unsere Zeit in Jamaat-Arbeiten zu investieren ist eine sehr gute Alternative dazu.

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, der Jamia Ahmadiyya beizutreten? Und Wie kam es dazu?

Ehrlich gesagt habe ich mich recht kurzfristig und schnell für die Jamia entschieden. Als ich von der Jamia Ahmadiyya hörte, war ich 15 Jahre alt. Mein Freund Yahya Bajwa (verstorben), der bereits seit einem Jahr die Jamia besuchte, inspirierte mich.

Ich hatte schon von klein an ein regelrechtes Verlangen und einen Drang in mir, der Jamaat zu dienen. Ich beteiligte mich zum Beispiel sehr gerne am Waqar-e-Amal der Jalsa Salana (damals noch in Mannheim) oder auch in Nasir Bagh. Ich habe erst vor einigen Monaten irgendwo gelesen, dass der freiwillige Dienst an die Menschheit gewisse Hormone im Körper freisetzt, welche einen Zufriedenheit geben. Das ist die wissenschaftliche Erkenntnis. Die Erfahrung aber mache ich schon seit meiner Kindheit.

Ich war Nazim Atfal, wobei ich selbst noch ein Tifl war. Der Dienst an die Jamaat prägte meine Kindheit. Nach der Schule hatte ich immer nur Khuddam-ul-Ahmadiyya Arbeit im Kopf. Schon damals kam mir immer wieder der Gedanke, mich in irgendeiner Weise vollständig der Jamaat zu widmen.

Das alles liegt natürlich in erster Linie an der Erziehung meiner Eltern, die mir von klein an nahelegten, dass ich als Waqif-e-Nau ein besonderer Junge sei und, wie andere Waqifeen-e-Nau auch, für große Aufgaben bestimmt sei.

Als ich dann von der Jamia Ahmadiyya hörte, wusste ich sofort, dass ich dahin möchte. Ehrlich gesagt, wusste ich damals gar nicht, welche Aufgaben ein Murabbi eigentlich hat. Ich wusste nur, dass ein Murabbi gänzlich der Jamaat dient. Das reichte mir schon, um Murabbi zu werden.

Als Sie dann in die Jamia Ahmadiyya aufgenommen wurden, war alles so, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und hatte bis dahin ausschließlich das deutsche Bildungssystem gesehen. Die Jamia Ahmadiyya war in Großbritannien. Das war schon einmal die erste Veränderung für mich. Man war weit weg von Zuhause, der Familie und den Freunden. Das hat anfangs auch schon zu Heimweh geführt. Aber da wir alle drei Monate für eine gewisse Zeit nach Hause konnten, hat man sich schnell daran gewöhnt.

Die zweite große Veränderung war die Atmosphäre in der Jamia selbst. Da die Jamia Ahmadiyya das System von Jamia Ahmadiyya Rabwah übernommen hat, war dieses natürlich anders als in den deutschen Schulen. Man trägt zum Beispiel eine Uniform, die aus Shelwar Qameez und Waistcoat besteht. Das war anfangs eine Herausforderung, weil ich vor der Jamia so etwas nur sehr selten und zu bestimmten Anlässen getragen hatte. Aber auch daran hat man sich schnell gewöhnt.

Das Niveau der Disziplin ist viel höher angesetzt, als in herkömmlichen Universitäten. Das hat auch zu gewissen positiven Umstellungen in meinem persönlichen Leben geführt.

Die größte Glückseligkeit war, dass wir in UK die unmittelbare Nähe, Liebe und Aufmerksamkeit von Hudhur-e-AnwarABA erfahren durften. Das zeichnet die Jamia Ahmadiyya UK aus. Hudhur-e-AnwarABA kümmert sich um die Jamia Studenten, als wären sie seine eigenen Kinder. Die Liebe und Zuneigung, die wir von Hudhur-e-AnwarABA erfahren durften, kann nicht in Worte gefasst werden. Ich erinnere mich an eine Sitzung mit Hudhur-e-AnwarABA während der Jamia Zeit, als ein Student Hudhur-e-AnwarABA fragte, ob er es vermisse, Agrikultur auszuüben wie er es in Pakistan oder Afrika zu tun pflegte. Hudhur-e-AnwarABA antwortete, dass nun die Jamia Ahmadiyya sein Ackerfeld sei und die Jamia Studenten seine Ernte.

Können Sie uns etwas über ihren Alltag in der Jamia erzählen?

Uns wurde beigebracht, dass der Tag sehr früh beginnt und sehr spät endet. Das ist auch das Elixier zum Erfolg. Man beginnt den Tag in der Jamia mit dem Tahajjud- und Fajr-Gebet und der Rezitation aus dem Heiligen Quran. Nach dem Frühstück beginnt der umfangreiche Unterricht, welcher in verschiedenen Fächern aufgeteilt ist und bis zur Mittagszeit andauert. Nach dem Mittagessen hat man, jahreszeitlich bedingt, etwas Zeit, um sich einen Powernap einzuholen. Anschließend findet der tägliche Sport statt. Abends hat man nach dem Isha-Gebet bis kurz vor Mittenacht wieder studiert.

Ich persönlich war während der Jamia Zeit auch viel in organisatorischen Angelegenheiten involviert. Dafür bin ich sehr dankbar, weil ich mit dem Wissen auch viele organisatorische Erfahrungen machen konnte und viel gelernt habe, auch wenn ich manchmal glaubte, dass es zu viel wurde, habe ich dennoch gelernt, meine Zeit zu managen und das Beste aus der Zeit herauszuholen.

Was ist die größte Lektion die sie in der Jamia gelernt haben?

Man macht sehr vielfältige Erfahrungen in der Jamia. Man erweitert sein Wissen und versucht das religiöse Wissen in Taten umzusetzen. Man lernt aber auch den Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen unterschiedlicher Natur. Man lernt Teamarbeit und lernt, untereinander zu kooperieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Die größte Lektion die ich persönlich gelernt habe ist, dass man immer und in jeder Situation und in jedem Zustand einzig und allein um Allahs Wohlgefallen willen, den Dienst an die Jamaat ausüben sollte und nicht, um irgendwelche weltlichen Vorteile zu erlangen. Dieser Vorsatz hat mich stark geprägt. Wenn man diesen Gedanken immer im Hinterkopf behält, dann verfällt man nicht den verborgenen Formen des Götzendienstes. Man behält reine Absichten, weil man weiß, dass jeder Akt für Allah ist, egal ob es ein geringfügiger ist oder von größerer Natur.

Wo sind Sie als Murabbi Silsila tätig und welche Aufgaben haben Sie?

Ich diene seit 2014 im Generalsekretariat der Jamaat. Im Jahre 2015 wurde meine Wenigkeit von Hudhur-e-AnwarABA als Vize Generalsekretär der Jamaat Deutschland ernannt. Zu meinen Aufgaben im Büro gehört es unter anderem, mich um diverse Büro-Angelegenheiten zu kümmern, wie beispielsweise den Jahresterminkalender der Jamaat zu erstellen, die tägliche Bearbeitung von verschiedenen Anträgen und Briefen, die Vorbereitung und Protokollführung von diversen Meetings und das Erstellen unseres „Ahmadiyya Bulletin“.

In meinem Aufgabenbereich versucht meine Wenigkeit stets, unseren Jamaat-Mitgliedern bei ihren Anliegen zu helfen, sodass diese nicht in langwierigen Verfahren verwickelt werden.

Durch die Gnade Allahs nehme ich auch außerhalb des Büros an einigen Jamaat-Aktivitäten als Murabbi Silsila teil. Zum Beispiel bekomme ich die Möglichkeit, in Tabligh-Seminaren über bestimmte Themen zu referieren, in Tarbiyyati-Klassen zu unterrichten und Fragen zu beantworten. In der MTA Live-Sendung „Islam Verstehen“ bekomme ich die Möglichkeit, Fragen der Zuschauer zu beantworten. Seit neuestem wurde erstmals von der Abteilung Taleem-ul-Quran eine wöchentliche Online-Quran-Klasse in deutscher Sprache gestartet, in welcher ich die Möglichkeit bekomme, zu unterrichten.

Was sind ihre Hobbies?

Ich treibe gerne Sport und habe mich vor etwa zwei Jahren durch Amir Sahib Deutschland für das Laufen und Radfahren inspirieren lassen. In der Jamia war ich begeisterter Kraftsportler. Mit der Zeit jedoch merkte ich, dass Kraft im Leben zwar wichtig, Ausdauer aber viel wichtiger ist. Deshalb habe ich mit dem Laufen und Radfahren begonnen und versuche alle zwei bis drei Tage eine längere Einheit zu absolvieren.

Vor kurzem habe ich, aus persönlichem Interesse und Neugier, mit einem privaten Blog gestartet, wo ich ab und zu meine Gedanken zur aktuellen Weltlage teile und mich dabei theologisch auf die Lehren des Islam berufe, die uns durch unseren geliebten Khalifen Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA übermittelt werden

Welchen Rat möchten Sie unseren Waqifin-e-Nau Lesern mit auf dem Weg geben?

Das wichtigste im Leben ist es, dem Kalifen der Zeit gegenüber vollkommen gehorsam zu sein. Wenn wir Hudhur-e-AnwarABA gegenüber gehorsam bleiben, werden wir Allahs Wohlgefallen und Nähe erlangen und wahren Frieden, sowohl außerhalb, als auch innerhalb des Jamaat-Systems, erfahren. Dafür ist es aber wichtig, dass wir wie Durstige, die nach einer Wasserquelle suchen, um ihren Durst zu stillen, als spirituelle Durstige immer den Ansprachen von Hudhur-e-AnwarABA aufmerksam lauschen und unseren spirituellen Durst stillen. Dafür sollten wir stets versuchen die Anweisungen so umzusetzen, wie HudhurABA es von uns erwartet. Das ist der Schlüssel zu weltlichem und spirituellem Erfolg.

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